Der Anfang vom Ende
Markus Meckel (l.) und Martin Gutzeit bereiteten die SPD-Gründung im Geheimen vor. (Foto: Lorenz Steinert)
Es war ein gefährlicher Plan: Heute vor 25 Jahren schrieben Martin Gutzeit und Markus Meckel den Aufruf zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) – und gingen damit auf direkten Konfrontationskurs zur herrschenden Staatspartei SED. Meckel: „Wir waren sicher, dass dies der Anfang vom Ende der SED-Herrschaft sein würde.“
In den 1980er Jahren wurden die Risse im Gebälk der DDR immer offenbarer, das Land lebte von der Substanz. „Wer in den achtziger Jahren offenen Auges durch die DDR ging, der sah: Die packen es nicht. Mit Gorbatschow entstanden dann andere Optionen. Es war klar, dass die Welt nicht mehr so bleiben würde, wie sie war“, erinnert sich Martin Gutzeit.
Zwei Pfarrerssöhne gegen die Diktatur
Anfang 1989 fasste er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Markus Meckel dann einen in Zeiten der SED-Diktatur gefährlichen, geradezu verrückt klingenden Plan: Sie wollten eine Sozialdemokratische Partei in der DDR gründen. Gutzeit und Meckel stammten beide aus evangelischen Pfarrhäusern und waren in kritischer Distanz zum sozialistischen Staat und seinen Forderungen aufgewachsen.
„Ich hatte einen Computer, aber noch keinen Drucker“
Martin Gutzeit: „Wir wollten eine Partei, wir wollten diesen Einfluss und wir wollten die Einheit!“ (Foto: Lorenz Steinert)
Martin Gutzeit erinnert sich: „Im Januar 1989 haben wir über die Frage der Parteigründung gesprochen und uns im Februar erneut getroffen.“ Meckel hatte die die Möglichkeit einer Parteigründung im Februar das erste Mal öffentlich erwähnt.
„Ich habe mich dann an ein Papier gesetzt. Ab Ende April hatte ich einen Computer, aber noch keinen Drucker. Bevor ich mich im Juli dann mit Markus Meckel wieder getroffen habe, musste ich das Papier mit der Schreibmaschine vom Bildschirm abtippen“, so Gutzeit.
Auf historischer Mission
In der Nacht zum 24. Juli 1989 vollendeten beide schließlich in Niederndodeleben bei Magdeburg den Aufruf zur Gründung der SDP in der damaligen DDR. „Im Sommer 1989 waren wir von dem, wenn man so will, unverschämten Selbstbewusstsein getragen, gewissermaßen eine – wie andere es ausdrücken würden – ‚historische Mission’ zu erfüllen“, erinnert sich Markus Meckel.
„Wir waren sicher, dass dies der Anfang vom Ende der SED-Herrschaft sein würde, weshalb die Nacht, in der Martin Gutzeit und ich am Morgen des 24. Juli 1989 den Aufruf fertig stellten, voll roten Weins und diebischer Freude war“, so Meckel weiter.
Die Machtfrage stellen
Einen Monat später, am 26. August, veröffentlichten Meckel und Gutzeit schließlich ihren Aufruf zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR – eine direkte Herausforderung der herrschenden Staatspartei SED. Denn nicht nur war diese aus einer Zwangsvereinigung von KPD und SPD hervorgegangen, sie beanspruchte auch, die einzige wahre Interessensvertretung im Arbeiter- und Bauernstaat zu sein.
Meckel und Gutzeit: Die Avantgarde der Opposition
Meckels und Gutzeits Text war der erste Appell zur Gründung einer Oppositionsbewegung in der DDR, im September folgten dann das Neue Forum, Demokratie Jetzt und andere. Warum beide in den Wochen davor und danach nicht aufflogen und im gefürchteten Gefängnis der Staatssicherheit („Stasi“) in Hohenschönhausen landeten, darüber kann Meckel auch nur spekulieren. Er vermutet, die Angst der Staatsführung sei zu groß gewesen. Schließlich hätten Verhaftungen das ganze Projekt bekannt und populär gemacht.
Meilenstein der DDR-Bürgerrechtsbewegung
SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi würdigt den 24. Juli 1989 als einen der „Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung auf dem Weg zur friedlichen Revolution von 1989.“ Meckel und Gutzeit hätten vor 25 Jahren „Geschichte geschrieben.“
Mit ihrem Aufruf zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei hätten beide „dem Protest in der DDR eine organisatorische Struktur“ geben wollen – und damit die herrschende SED herausgefordert. „Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind sehr stolz auf diesen Tag“, so Fahimi.