Brief von Matthias Miersch

Veröffentlicht am 12.07.2025 in Bundespolitik

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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Genossinnen und Genossen,

als ich mir in den letzten Tagen überlegt habe, welche Worte und Gedanken ich mit Euch und Ihnen anlässlich der ersten parlamentarischen Sommerpause teilen möchte, konnte ich mir noch nicht vorstellen, welche Entwicklung dieser letzte Sitzungstag mit sich bringen würde. Wir haben heute erlebt, wie eine herausragende Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht mit einwandfreiem Werdegang und bester Qualifikation Opfer einer beispiellosen Schmutzkampagne geworden ist.

Was wir heute aber auch erleben mussten, ist die bewusste Demontage unseres höchsten deutschen Gerichts und unserer demokratischen Institutionen. Das ist brandgefährlich.

Es geht also nicht nur um unsere vorgeschlagene Kandidatin. Indem zunächst versucht wurde, mit aus dem Zusammenhang gerissenen politisch interpretierbaren Aussagen aus der Vergangenheit eine Kandidatin in ein schlechtes Licht zu rücken, hat das gesamte Wahlverfahren bereits schweren Schaden genommen. Dabei sollten alle Demokraten wissen, dass man politische Meinungen und juristische Qualifikation trennen muss. Das zeigen auch Beispiele aus der Vergangenheit, in der beispielsweise ehemalige CDU-Politiker zu Verfassungsrichtern gewählt wurden und in dieser Funktion ihr Amt hervorragend und politisch neutral ausgeführt haben. Völlig unbeschriebene Blätter, die sich noch nie nachweisbar zu politischen Fragen geäußert haben und trotzdem fachlich geeignet wären, gibt es nach meiner Auffassung nicht.

Auch, dass die Union, die auf Elon Musks Plattform X erhobenen Plagiatsvorwürfe durch einen österreichischen Akteur – der in der Vergangenheit oft ähnliche Vorwürfe ohne Erfolg gegen andere erhoben hat – als Grundlage dafür genommen hat, unsere vorgeschlagene Kandidatin Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf nicht mit wählen zu wollen, entbehrt meiner Auffassung nach jeder sachgerechten Grundlage. Zumal der vermeintliche „Plagiatsjäger“ die Vorwürfe mittlerweile selbst zurückgezogen hat.

Der heutige Tag hätte sich nie so abspielen dürfen, gerade weil wir unsere Kandidatinnen mit der Unionsführung abgestimmt haben. Wir haben uns auf den gemeinsamen Vorschlag geeinigt. Entsprechend fand unser gemeinsamer Vorschlag am Montag auch die nötige Zweidrittelmehrheit im Richterwahlausschuss.

Die Wochen der parlamentarischen Sommerpause müssen wir daher zwingend nutzen, um diesen Vorgang mit der Union in aller Gründlichkeit aufzuarbeiten, damit wir in den kommenden Jahren eine vertrauensvolle und zielorientierte Regierungsarbeit für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes erreichen.

Für mich ist klar: Wir halten an unseren Kandidatinnen fest. Ich erwarte, dass die Mehrheit steht. Zumal sich bereits jetzt zeigt, dass die Vorwürfe eines Plagiats von dem eigentlichen Verfasser nicht aufrechterhalten werden.

Unabhängig davon, möchte ich den Start der parlamentarischen Sommerpause dennoch dafür nutzen, um in einer persönlichen Erklärung meine Sicht auf die ersten Monate der neuen Bundesregierung darzulegen.

Seit ein paar Monaten bin ich nun Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Das ist eine große Ehre. Gleichzeitig spüre ich eine riesige Verantwortung. Es tut dabei gut, auch immer wieder Rückmeldungen aus meinem Wahlkreis zu bekommen.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind. Die Kriege dieser Welt, die Sorgen um die Folgen des Klimawandels oder die Angst, den Lebensstandard nicht mehr halten zu können. All diese Dinge führen nach meiner Beobachtung dazu, dass in der Gesellschaft eine große Anspannung spürbar ist, die Polarisierung nicht nur im Bereich der „Sozialen“ Medien zunimmt und die Parteien Zuspruch bekommen, die vermeintlich einfache Antworten haben.

Welche Rolle kann und muss die SPD in diesen Zeiten in Regierungsverantwortung wahrnehmen?

Klar ist, die Bundestagswahl war bitter. Es gibt eine rechnerische Mehrheit von CDU/CSU und AfD. Die SPD-Mitglieder haben mit einer überwältigenden Mehrheit für die Koalition aus SPD und CDU/CSU gestimmt. Wir haben in den letzten Sitzungswochen etwa beim Familiennachzug gesehen, dass der Koalitionsvertrag auch schwierige Kompromisse enthält. Dennoch möchte ich immer wieder betonen, dass bei einer rechten Mehrheit in all diesen Dingen weitaus negativere Maßnahmen erfolgen könnten. CDU/CSU wollten den Familiennachzug unbegrenzt aussetzen, der Kompromiss sieht jetzt zwei Jahre vor. Und auch nur für sogenannte subsidiär Schutzberechtigte. Anerkannte Asylbewerber:innen können ihre Familien weiter zusammenführen. Denn wir wissen, dass Integration besser gelingt, wenn Familien zusammenbleiben. Darüber hinaus haben wir auch für alle anderen Fälle Härtefallausnahmen durchgesetzt. Ohne die SPD stünden wir heute vor einer ganz anderen Politik. Natürlich reicht es dennoch nicht, die Regierungsbeteiligung damit zu rechtfertigen, man habe Schlimmeres verhindert.

Deshalb möchte ich denen zurufen, die die SPD gerade kritisch sehen: Es ist die SPD, die die Handlungsfähigkeit des Staates gerade herstellt. Das ist die zentrale Voraussetzung für eine gute Zukunft. Die SPD steht dafür, dass wir die Gemeinschaft brauchen, um Gerechtigkeit und Stabilität in einer Gesellschaft herzustellen. Es geht darum, persönliche, gesellschaftliche und nationale/europäische Sicherheit zu gewährleisten!

Dafür haben wir im Wahlkampf geworben. Durch das Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro investieren wir in die Zukunft und in die Wirtschaftskraft dieses Landes. Während CDU/CSU noch im Wahlkampf strikt gegen die Reform der Schuldenbremse oder die Bildung eines Sondervermögens gewesen sind, hat die SPD diese Dinge nun durchgesetzt. Durch die Verfassungsänderung im Bereich der Verteidigung können wir jetzt in unsere Sicherheit investieren, ohne dass unsere Sicherheit gegen nötige Investitionen in unsere Infrastruktur ausgespielt wird.

Angesichts der gestiegenen Bedrohungslage müssen wir natürlich immer auch die Diplomatie im Blick haben. Gleichzeitig müssen wir angesichts des russischen Angriffskrieges feststellen, dass jeder Versuch der Diplomatie in der Vergangenheit den Krieg nicht beenden konnte. Angesichts der Wankelmütigkeit des amerikanischen Präsidenten ist es zudem unerlässlich, dass Europas eigene Verteidigungsfähigkeit wächst.

Entscheidend ist auch, dass Kommunen, Länder und der Bund in die Lage versetzt werden, die notwendigen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit zu starten. Es gilt jetzt, auch durch die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren sicherzustellen, dass die Investitionen vor Ort schnell ankommen und sichtbar werden. Durch den sogenannten Investitionsbooster geben wir zudem Unternehmen Anreize, in Deutschland zu investieren. Damit stärken wir den Wirtschaftsstandort Deutschland und setzen auf Wachstum in wichtigen Bereichen.

Ja, und wir gehen das Thema Energiepreise an, indem wir ein Paket von zehn Milliarden Euro Entlastung geschnürt haben. Leider wurde die Debatte jedoch nur um die Stromsteuer geführt. Unerwähnt blieb oft, dass wir sehr wohl auch die Bürgerinnen und Bürger mit der Senkung der Netzentgelte und der Gasspeicherumlage entlasten. Eine vierköpfige Familie hat 160 Euro mehr im Jahr. Eine Stromsteuersenkung würde nur eine Ersparnis von rund 80 Euro im Jahr bedeuten. Angesichts der knappen Haushaltslage haben wir uns entschlossen, zunächst das produzierende Gewerbe, also etwa 600.000 Unternehmen, weiter zu entlasten, um Arbeitsplätze zu sichern. Es ist positiv, dass sich offenkundig die Stimmung in der Wirtschaft trotz der Auseinandersetzung mit den USA im Bereich der Zölle aufhellt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Thema Wohnen. Die Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum ist für ganz viele Menschen die entscheidende Frage. Mit der Verlängerung der Mietpreisbremse haben wir einen wichtigen Schritt getan. Der Wohnungsbauturbo ist auf dem Weg. Damit wird das Thema jetzt richtig angegangen, auch hier teilweise gegen harte Widerstände aus CDU/CSU.

Auch das Thema Klimaschutz wird finanziell gestärkt, da der Klima- und Transformationsfonds eine Erhöhung erfährt. Versuche von einigen in der Union, die Energiewende zu verlangsamen, wichtige Förderinstrumente im Bereich Wärme und Mobilität zu streichen, werden wir nicht mitmachen, genauso wie wir in den Koalitionsverhandlungen auch die Wiederkehr der Atomkraft verhindert haben. Die Investitionen in die Gebäudesanierung und in die Mobilität werden wichtige Hilfen zur Erreichung der Klimaziele sein.

Ich möchte noch auf das Thema Mindestlohn eingehen. Wir haben uns für einen Mindestlohn in Höhe von 15 Euro eingesetzt. Die Mindestlohnkommission, ein unabhängiges Gremium, das sich aus Vertretern der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zusammensetzt, hat Ende Juni nach intensiven Verhandlungen eine Einigung erzielt. Der gesetzliche Mindestlohn wird in zwei Stufen erhöht: zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro und ab dem 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro. Bei einer 40-Stunden-Woche bedeutet die Erhöhung des Mindestlohns ab Januar 2026 für Vollzeitbeschäftigte ein Bruttoplus von rund 190 Euro im Monat. Ab Januar 2027 steigt der monatliche Bruttolohn im Vergleich zum aktuellen Mindestlohn von 12,82 Euro pro Stunde sogar um etwa 310 Euro.

Diese Einigung ist ein wichtiges Signal, dass die Sozialpartnerschaft in Deutschland besteht. Es ist entscheidend, da beide Seiten nun hinter der Erhöhung des umstrittenen Mindestlohns stehen. Ohne das Eintreten der SPD und auch die Ansage, dass im Zweifel der Gesetzgeber entscheidet, hätte es nach meiner festen Überzeugung eine Einigung in dieser Höhe nicht gegeben. Insoweit haben wir auch auf Bitten der Gewerkschaft nun diesen Kompromiss akzeptiert. Wir werden aber auch hier nicht stehen bleiben, sondern weiter dafür kämpfen, dass es gute Löhne in Deutschland gibt. Deshalb werden wir das Tariftreuegesetz nun auf die Tagesordnung setzen. Damit erhält staatliche Aufgaben nur, wer nach Tarif bezahlt.

Abschließend möchte ich noch auf den Umstand eingehen, dass die AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft worden ist. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben nicht einfach so die Möglichkeit des Verbots einer Partei in das Grundgesetz aufgenommen. Sie wussten aus der Geschichte, dass die Demokratie auch wehrhaft sein muss. Deshalb hat sich der SPD-Bundesparteitag für die Vorbereitung eines Verbotsverfahrens ausgesprochen. Natürlich löst ein Verbot nicht alle Probleme und selbstverständlich ist es unsere Aufgabe, durch gute Politik die Menschen zu überzeugen. Doch es muss auch klare Signale geben, dass der Rechtsstaat Grenzen setzt und, wer diese überschreitet, mit Konsequenzen rechnen muss.

Nun wünsche ich Ihnen und Euch einen erholsamen Sommer. Wie immer freue ich mich über Reaktionen. Vielleicht sehen wir uns ja auch auf meiner Sommertour oder zu meinen Dialogveranstaltungen im Wahlkreis. Hierzu werde ich gesondert informieren. Ich kann euch aber schon mal verraten, dass der erste Termin wird am Montag, den 4. August, im Flügel’s in Seelze stattfinden wird. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen, mitzudiskutieren und sich einzubringen.

Alles Gute

Ihr/Euer

Matthias Miersch

 

SPD Ortsverein-Heisfelde-Nüttermoor

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