Als Gastbeitrag veröffentlichen wir diesen Brief von Martin Reisinger.
Persönlicher Brief:
An den Präsidenten der Russischen Föderation
23/16, Ulitsa Ilyinka, 103132, Moskau, Russland
Leer, den 18. Mai 2026
Vladimir Vladimirovič,
Sie könnten mein älterer Bruder sein.
Beide wurden wir geboren nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Und noch etwas haben wir gemeinsam:
Unsere beiden Väter sind im Krieg schwer verwundet worden.
Ehrfürchtig sprecht Ihr Russen vom „Großen Vaterländischen Krieg“.
Ich höre das mit Trauer und Respekt.
Wir Deutschen können so nicht vom Zweiten Weltkrieg reden.
Denn unser Land hat diesen Krieg vom Zaun gebrochen – ohne Not.
Lange genug hat es gedauert, bis wir Deutschen das begriffen haben:
„Groß“ waren am Zweiten Weltkrieg vor allem die Verbrechen,
die unsere Soldaten an den Überfallenen verübt haben.
Unfassbar viele Menschen sind diesen Massenverbrechen zum Opfer gefallen.
Die meisten Getöteten dieses Krieges aber – gemessen an der Bevölkerungszahl –
beklagen die Polen, die Russen – und die Ukrainer!
Vladimir Vladimirovič,
merken Sie das denn nicht? Ihr Krieg gegen die Ukraine, Euer „Brudervolk“
,
dieser heutige Krieg ist ein einziger Verrat an den sieben Millionen Ukrainern,
die in Hitlers Krieg das Leben lassen mussten!
Ihre Behauptung, dass es bei dem Angriff Russlands auf die Ukraine um den
Kampf gegen ein faschistisches Regime ginge, ist eine dreiste Lüge.
Damit beleidigen Sie auch den sowjetischen Befreiungskampf gegen den
Faschismus Hitlers.
Was würde wohl Vladimir Spiridonovič, Ihr Vater, dazu sagen,
der als Soldat nur mit knapper Not überlebte und zeitlebens von den
Granatensplittern in seinem Leib gequält wurde ?!Ohne Not werfen Sie erneut hunderttausende russische Soldaten an der Front, in
den „Fleischwolf“ – nicht wahr, so nennt Ihr Russen das doch!
Ohne Not produzieren Sie in der Ukraine hunderttausende Kriegstote und
hunderttausende Kriegskrüppel!
Und ohne Not machen Sie die tapferen Ukrainer erneut zu Opfern
von massenhaften Kriegsverbrechen!
Sehen Sie denn nicht, Vladimir Vladimirovič, dass Sie damit niemals
ehrenhaft in die russische Geschichte eingehen werden,
sondern dass Sie zum Totengräber Ihres eigenen Landes werden?
Wie viele Hunderttausende wollen Sie denn noch sterben lassen,
bis Ihr Land endlich wieder abkehrt von einer Politik und einer Wirtschaft,
die nichts anderem mehr dienen als diesem aussichtslosen Krieg?!
Nein, in diesen von Ihnen verschuldeten Untergang werden wir Europäer uns
nicht hineinziehen lassen. Wir werden Ihnen und Ihren Angriffen, Vladimir
Vladimirovič, weiterhin widerstehen. Und wir tun das auch im Namen künftiger
Generationen Ihres Landes. Denn eines nicht fernen Tages wird auch eine
Mehrheit der Russen begreifen müssen, auf welchen selbstmörderischen Irrweg
Sie Ihr Land geführt haben.
Vladimir Vladimirovič,
Ihre Mutter, die Fabrikarbeiterin Marija Iwanowna, hat in Leningrad zweieinhalb
Jahre Blockade durch die Wehrmacht überlebt, während in der Stadt eine Million
Menschen verhungerten und erfroren. Ihre Mutter wurde von Bekannten als
freundlich und selbstlos beschrieben, als „eine Seele von Mensch“. Alles hat sie
für ihren dritten Sohn getan, für ihren „Volodya“, nachdem ihre ersten beiden
Söhne bereits im Kindesalter verstorben waren. Als Sie sechs Wochen alt waren,
hat Ihre Mutter Sie während eines Weihnachtsgottesdienstes heimlich taufen
lassen, den Sohn eines Kommunisten; der Vater sollte davon nichts wissen.
Vladimir Vladimirovič,
was würde Ihre Mutter wohl dazu sagen, dass Sie den Überfall auf die Ukraine im
Februar 2022 zynisch grinsend mit der Vergewaltigung einer Frau verglichen
haben?Was würde Marija Iwanowna dazu sagen, dass Sie der 64. Brigade nach den
hundertfachen Folterungen, Vergewaltigungen und Morden in Butscha und
Andrijiwka demonstrativ einen Ehrentitel verliehen haben?
Und was würde Ihre Mutter dazu sagen, dass Ihre Leute tausende ukrainischer
Kinder nach Russland entführt haben – genauso wie die Nazis es mit tausenden
polnischen Kindern taten?
Vladimir Vladimirovič,
Ihre Mutter hat Ihnen vor vielen Jahren ein silbernes Taufkreuz in die Hand
gedrückt, bevor Sie zum ersten Mal nach Israel gereist sind. Sie sollten das Kreuz
in der Jerusalemer Grabeskirche segnen lassen. Sie haben dieses Kreuz
inzwischen manches Mal zur Schau getragen.
