Gastbeitrag: Offener Brief an Vladimir Puttin

Veröffentlicht am 20.05.2026 in Service

Als Gastbeitrag veröffentlichen wir diesen Brief von Martin Reisinger.

 

Persönlicher Brief:

An den Präsidenten der Russischen Föderation

23/16, Ulitsa Ilyinka, 103132, Moskau, Russland

Leer, den 18. Mai 2026

Vladimir Vladimirovič,

Sie könnten mein älterer Bruder sein.

Beide wurden wir geboren nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Und noch etwas haben wir gemeinsam:

Unsere beiden Väter sind im Krieg schwer verwundet worden.

Ehrfürchtig sprecht Ihr Russen vom „Großen Vaterländischen Krieg“.

Ich höre das mit Trauer und Respekt.

Wir Deutschen können so nicht vom Zweiten Weltkrieg reden.

Denn unser Land hat diesen Krieg vom Zaun gebrochen – ohne Not.

Lange genug hat es gedauert, bis wir Deutschen das begriffen haben:

„Groß“ waren am Zweiten Weltkrieg vor allem die Verbrechen,

die unsere Soldaten an den Überfallenen verübt haben.

Unfassbar viele Menschen sind diesen Massenverbrechen zum Opfer gefallen.

Die meisten Getöteten dieses Krieges aber – gemessen an der Bevölkerungszahl –

beklagen die Polen, die Russen – und die Ukrainer!

Vladimir Vladimirovič,

merken Sie das denn nicht? Ihr Krieg gegen die Ukraine, Euer „Brudervolk“

,

dieser heutige Krieg ist ein einziger Verrat an den sieben Millionen Ukrainern,

die in Hitlers Krieg das Leben lassen mussten!

Ihre Behauptung, dass es bei dem Angriff Russlands auf die Ukraine um den

Kampf gegen ein faschistisches Regime ginge, ist eine dreiste Lüge.

Damit beleidigen Sie auch den sowjetischen Befreiungskampf gegen den

Faschismus Hitlers.

Was würde wohl Vladimir Spiridonovič, Ihr Vater, dazu sagen,

der als Soldat nur mit knapper Not überlebte und zeitlebens von den

Granatensplittern in seinem Leib gequält wurde ?!Ohne Not werfen Sie erneut hunderttausende russische Soldaten an der Front, in

den „Fleischwolf“ – nicht wahr, so nennt Ihr Russen das doch!

Ohne Not produzieren Sie in der Ukraine hunderttausende Kriegstote und

hunderttausende Kriegskrüppel!

Und ohne Not machen Sie die tapferen Ukrainer erneut zu Opfern

von massenhaften Kriegsverbrechen!

Sehen Sie denn nicht, Vladimir Vladimirovič, dass Sie damit niemals

ehrenhaft in die russische Geschichte eingehen werden,

sondern dass Sie zum Totengräber Ihres eigenen Landes werden?

Wie viele Hunderttausende wollen Sie denn noch sterben lassen,

bis Ihr Land endlich wieder abkehrt von einer Politik und einer Wirtschaft,

die nichts anderem mehr dienen als diesem aussichtslosen Krieg?!

Nein, in diesen von Ihnen verschuldeten Untergang werden wir Europäer uns

nicht hineinziehen lassen. Wir werden Ihnen und Ihren Angriffen, Vladimir

Vladimirovič, weiterhin widerstehen. Und wir tun das auch im Namen künftiger

Generationen Ihres Landes. Denn eines nicht fernen Tages wird auch eine

Mehrheit der Russen begreifen müssen, auf welchen selbstmörderischen Irrweg

Sie Ihr Land geführt haben.

Vladimir Vladimirovič,

Ihre Mutter, die Fabrikarbeiterin Marija Iwanowna, hat in Leningrad zweieinhalb

Jahre Blockade durch die Wehrmacht überlebt, während in der Stadt eine Million

Menschen verhungerten und erfroren. Ihre Mutter wurde von Bekannten als

freundlich und selbstlos beschrieben, als „eine Seele von Mensch“. Alles hat sie

für ihren dritten Sohn getan, für ihren „Volodya“, nachdem ihre ersten beiden

Söhne bereits im Kindesalter verstorben waren. Als Sie sechs Wochen alt waren,

hat Ihre Mutter Sie während eines Weihnachtsgottesdienstes heimlich taufen

lassen, den Sohn eines Kommunisten; der Vater sollte davon nichts wissen.

Vladimir Vladimirovič,

was würde Ihre Mutter wohl dazu sagen, dass Sie den Überfall auf die Ukraine im

Februar 2022 zynisch grinsend mit der Vergewaltigung einer Frau verglichen

haben?Was würde Marija Iwanowna dazu sagen, dass Sie der 64. Brigade nach den

hundertfachen Folterungen, Vergewaltigungen und Morden in Butscha und

Andrijiwka demonstrativ einen Ehrentitel verliehen haben?

Und was würde Ihre Mutter dazu sagen, dass Ihre Leute tausende ukrainischer

Kinder nach Russland entführt haben – genauso wie die Nazis es mit tausenden

polnischen Kindern taten?

Vladimir Vladimirovič,

Ihre Mutter hat Ihnen vor vielen Jahren ein silbernes Taufkreuz in die Hand

gedrückt, bevor Sie zum ersten Mal nach Israel gereist sind. Sie sollten das Kreuz

in der Jerusalemer Grabeskirche segnen lassen. Sie haben dieses Kreuz

inzwischen manches Mal zur Schau getragen.

Vladimir Vladimirovič,

Sie täuschen sich! Und es entschuldigt Sie nicht, dass sich schon manche

Gewaltherrscher vor Ihnen getäuscht haben. Das Kreuz Jesu Christi segnet keine

Untaten. Vielmehr steht dieses Kreuz für den Anbruch eines ganz anderen

Reiches, das endlich Frieden und Gerechtigkeit und Wahrheit ans Tageslicht

bringt. Dieses Kreuz besiegelt das Ende aller weltlichen Herrschaft und auch das

Ende Ihrer mörderischen Diktatur.

Vladimir Vladimirovič,

machen Sie sich nichts vor: Eines nicht allzu fernen Tages wird unsere Generation

abtreten. Dann werden auch wir beide uns nicht mehr an die trügerische Würde

irgendeines Amtes klammern können. Dann werden Sie kein Präsident mehr sein,

und ich kein Pastor mehr. Dann werden wir nichts weiter mehr sein als: Söhne

unserer Väter und Mütter und, wenn es gut geht: Väter und Großväter unserer

Kinder und Enkelkinder. Und dann werden sie alle, unsere Eltern und unsere

Kinder, uns fragen, was wir getan haben in unserem Leben. Und vor allem:

Wie wir den Opfern unserer Geschichte begegnet sind. Ob wir achtlos an ihnen

vorbeigegangen sind. Ob wir gar noch nachgetreten haben, als sie am Boden

lagen. Oder ob wir versucht haben, den Unterlegenen beizustehen. Und dann,

spätestens dann, Vladimir Vladimirovič, werden wir uns verantworten müssen.

 

Martin Heimbucher             martin.heimbucher@t-online.de

 

 

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