Norwegen gedenkt!!!!

Veröffentlicht am 25.07.2013 in Europa
Gedenken an Utøya

22. Juli 2013 - Christine Kroke

Die Perspektive der Opfer

Ein Blumenmeer in Oslo zu zum Gedenken an die Opfer von Utoya und Oslo
Ein Tag der Trauer, des Mitgefühls und des Gedenkens. Nach den Anschlägen von Utøya und Oslo rückte die norwegische Gesellschaft eng zusammen. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg bekam im Januar den Internationalen Willy-Brandt-Preis für sein mutiges Bekenntnis zu einer freien, offenen Gesellschaft. (Foto: DPA)

 

 

Die Anschläge von Oslo und Utøya jähren sich an diesem Montag. Am 22. Juli 2011 hatte der Rechtsextremist Andres Breivik mit einem Bombenanschlag in Oslo und beim anschließenden Angriff auf das Sommerlager der Parteijugend der norwegischen Sozialdemokraten auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen getötet. Bildhauerin und Sozialdemokratin Gabriele von Lutzau hat für jedes dieser Opfer eine Skulptur gegen das Vergessen geschaffen.

Gabriele von Lutzau ist eine Künstlerin, die weiß was es heißt, Terror-Opfer zu sein: Sie war als Flugbegleiterin an Bord der Lufthansa-Maschine "Landshut" bei deren Entführung im sogenannten Deutschen Herbst 1977. Im Interview mit SPD.de spricht die heute 58-Jährige über Ihre Erfahrung als Terror-Opfer und Ihre künstlerische Arbeit für die Opfer und Hinterbliebenen.

 

Gabriele von Lutzau
Gabriele von Lutzau, Bildhauerin und Terroropfer: "Ich entschied mich für die Kunst – ein wunderbares Ventil." (Foto: Gabriele von Lutzau)

SPD.de: Vor zwei Jahren erschütterten die Mordanschläge des Rechtsextremisten Breivik nicht nur Norwegen, sondern die ganze Welt. Erinnern Sie sich gut an diesen Tag? 

Von Lutzau: Ja, sehr gut. Du musst dir nur vorstellen, du  schickst deine Tochter zum Sommercamp und denkst: Das Schlimmste was passieren kann ist, dass sie schwanger nach Hause kommt. Und dann kommt sie nie wieder! Ein Alptraum. Ich übernahm einen Tag nach dem Anschlag eine lang geplante Schirmherrschaft über eine Jugendgruppe mit 180 Jugendlichen aus 20 Ländern. Als ich das Gelände betrat, dachte ich: das gleiche Szenario. Ich sollte den Jugendlichen zeigen, was man mit der Kettensäge alles erschaffen kann.

SPD.de: Was haben Sie getan?

Von Lutzau: Ich begann sofort mit einem meiner Seelenvögel - das  sind von mir entworfene Figuren, Boten zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Von diesem Tag an arbeitete ich an 77 Skulpturen - für jedes der getöteten Kindern und jeden getöteten Jugendlichen und Erwachsenen einen Vogel. Drei Tage vor der Verurteilung des Mörders wurde ich damit fertig.

SPD.de: Welche Botschaft steckt in Ihren Skulpturen?

Von Lutzau: Die Seelenvögel sollen Sendboten himmelwärts sein, die Liebe, Kraft und gute Gedanken von den Trauernden zu den Toten schicken. Sie spenden Trost denen, die zurück geblieben sind. Ich wollte den Opfern über den Tod hinaus ein Denkmal setzen. Die einzig relevante Perspektive ist für mich die Opferperspektive. Um die Täter sollen sich die Gerichte kümmern.

SPD.de: Sie selbst wurden im Deutschen Herbst 1977 Opfer eines Terroranschlags: Sie waren als Flugbegleiterin an Bord der Lufthansa-Maschine "Landshut". Können sie den Lesern von SPD.de schildern, was sich damals im Flugzeug abgespielt hat, als palästinensische Terroristen mit der Entführung der Maschine die RAF unterstützen und die deutschen Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof freipressen wollten? 

Von Lutzau: Ich war damals 23 Jahre alt. Vom 12. bis zum 18. Oktober war ich als jüngstes Besatzungsmitglied der Landshut im Dauereinsatz und geriet so in die Entführung. Wir Crew-Mitglieder und die Passagiere waren Geiseln bis die GSG 9 uns befreite. Während der Entführung wurde unser Kapitän Jürgen Schumann erschossen. Bei der Befreiung starben außerdem drei der vier Terroristen. Ich wurde durch eine Handgranate verletzt. So etwas vergisst man natürlich nie. Für mich ist es einfach ein Teil meines Lebens.

 

"Fiederungen" von Gabriele von Lutzau
Im Rahmen Ihrer Ausstellung "Fiederungen" stellte von Lutzau die Skulpturen der Öffentlichkeit vor. (Foto: DPA)

SPD.de: War dieses Erlebnis der Auslöser für ihren Schritt hin zur Kunst? 

Von Lutzau: Ja, ich denke das ist der Motor der mich antreibt. Jeder Künstler schafft aus einer Unwucht heraus. Jeder aus einer anderen.  

SPD.de: Der Umgang als Terroropfer mit dem Erlebten: Sehen Sie da Parallelen zwischen Ihnen Ende der 70er Jahre den Opfern von Oslo und Utøya 2011?

Von Lutzau: Heute herrscht nicht mehr der gleiche Geist wie 1977. Die Folgen des 2. Weltkrieges mit Flucht, Vertreibung, Bombennächten und den Verlust geliebter Menschen waren noch sehr präsent. Niemand kümmerte sich da intensiv um traumatisierte Opfer. Jeder hatte irgendein Trauma, das ihn belastete und musste aber irgendwie weitermachen. Einige wurden verrückt, alkoholkrank, entwickelten Krankheiten und Aggressionen oder nahmen sich das Leben. Heute würde man sofort eine Therapie beginnen. Wir mussten uns damals selbst helfen. Ich entschied mich für die Kunst – ein wunderbares Ventil.

SPD.de: Was braucht eine Gesellschaft, damit die Bewältigung eines solchen Traumas gelingen kann?

Von Lutzau: Gespräche. Das ist das Wichtigste überhaupt. In meinem Fall auch die Kunst. Meine Skulpturen sind auch meine Kinder. Eine Skulptur zu erschaffen ist wie eine Geburt!

SPD.de: Sie sind seit vier Jahrzehnten SPD-Mitglied. Was motiviert Sie, sich für eine Partei stark zu machen?

Von Lutzau: Ich bin 1973 aus Solidarität mit Willy Brandt in die SPD eingetreten. Ich war damals 19 Jahre alt und tat es, um Farbe zu bekennen. Meine Generation war so politisch, wie die heutige ökologisch ist. Ich bin eine konservative Sozialdemokratin, mit einem großen Hang zur Freiheit. Ich lebe in Hessen. Thorsten Schäfer-Gümbel schätze ich sehr.

 

 

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