Heute am Heiligen Abend sind die Kirchen bei uns und im ganzen Land rappelvoll. Wir wollen den Pastoren nicht vorgreifen, aber am Thema Flüchtlinge kommt keiner vorbei. Das liegt auf der Hand. Der Sinnstifter des christlichen Glaubens, Jesus Christus, wurde vor mehr als zweitausend Jahren auf der Flucht geboren, in akuter Lebensgefahr. Im Nahen Osten übrigens.
Also nichts Neues unter der Sonne, könnte man sagen. Heute sind wieder viele Menschen auf der Flucht – nach Deutschland zwar längst nicht so viele wie 1945, aber immerhin in Millionenhöhe. Das bewegt alle, beherrscht die Gespräche, hält Politik und Verwaltungen in Atem, weckt niedrige Instinkte und gleichzeitig beispiellose Hilfsbereitschaft, rührt Mitleid und Hass, setzt Kräfte frei bei Tausenden von Helfern und treibt gleichzeitig Menschen zu dumpfen Märschen auf die Straßen. Ein Drama – nur nicht im Theater, sondern mitten im Leben.
Die Pastoren heute und morgen werden die Flüchtlinge thematisieren, das Evangelium, also die frohe Botschaft, verkünden und versuchen, den Menschen Mut zu machen. Nach Weihnachten verschnaufen die Menschen ein wenig. An Silvester hält Frau Merkel im Fernsehen ihre Neujahrsansprache und wird es, wie schon vor einem Jahr, als selbstverständlich bezeichnen, dass wir Menschen auf der Flucht helfen. Recht hat sie, auch wenn der eine oder andere Zuschauer nicht ganz ausblenden wird, dass die Kanzlerin ziemlich naiv dazu beigetragen hat, die Tore sehr weit zu öffnen.
Spätestens am 4. Januar hat uns der Alltag wieder. Neue Flüchtlinge steigen in Leer aus den Bussen. Es schlägt wieder die Stunde des Landrates und der Bürgermeister, die mit Hilfe ihrer Mitarbeiter, des Roten Kreuzes, der Freiwilligen Feuerwehren, des Technischen Hilfswerks, der Kirchen, der Hilfsverbände, der Vereine und zahlreicher privater Helfer ihre Arbeit tun. Sie geben der Flüchtlingshilfe ein Gesicht und eine Struktur.
Verwaltungs-Chefs sagen öffentlich, dass alles schon irgendwie klappt. Unter vier Augen klingt es anders. Sie fühlen sich zum Teil von Hannover und Berlin alleingelassen. Bisher bekommen sie die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge mit strategischem Handeln, viel Einsatz und Improvisationskunst auf die Reihe. Das neue Jahr verlangt jedoch einen Rahmen, den Land und Bund setzen müssen.
Irgendwann können Landrat und Bürgermeister die staatlichen Versäumnisse nicht mehr mit eigenen Kräften ausbügeln. Es gibt viel zu tun: Die Flüchtlinge müssen schnell gezielt aufs Leben bei uns vorbereitet werden. Deutsch lernen, zur Schule gehen, Lehrstellen oder Jobs finden, überhaupt fit gemacht werden für die Arbeit in einer hochtechnisierten Arbeitswelt.
Bald drückt das Wohnungsproblem. Es gibt schon heute zu wenig Wohnungen für Normal- oder Geringverdiener. Ein Teil der Flüchtlinge wird länger arbeitslos sein. Dann können sie die ihnen zugewiesenen Wohnungen nicht bezahlen. Die Kommunen, finanziell ohnehin am Stock, bleiben auf den Kosten sitzen. Das schafft Verdruss bei Einheimischen, die deshalb zu kurz kommen. Einem Bürgermeister, der bei Jubilarbesuchen viel mitbekommt, schwant nichts Gutes: „Was die Gäste so reden, wenn der Pastor weg ist…“ Text: http://www.leer-zeichen.de