Zur 100. Mahnwache bat ich das Generalkonsulat der
Ukraine in Hamburg um einen Wortbeitrag zum Krieg in.jpeg)
der Ukraine. Frau Generalkonsulin Dr. Iryna Tybinka
schrieb mir folgenden Brief, den ich etwas gekürzt habe.
Mittlerweile sind 2 Jahre vergangen, 2 unvorstellbar
grausame Jahre, seit Russland die Ukraine überfiel, 2
Jahre Leid, Schrecken und Tod. (Beate Stammwitz)
Sehr geehrtes Team der Mahnwache für die Ukraine,
sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Leer,
Sie beweisen, dass es Ihnen nicht egal ist, ob mein Land überleben
wird, ob der Frieden in Europa wiederhergestellt wird und ob unsere
gemeinsame Zukunft sicher und stabil sein wird.
Ich danke Ihnen für Ihren klaren und verständlichen Standpunkt. Leider
kann ich heute nicht jedem von Ihnen persönlich die Hand schütteln,
aber ich freue mich, dass ich zumindest die Gelegenheit habe, Ihnen
meinen aufrichtigen Dank auszusprechen.
Ihre Unterstützung bedeutet viel.
Ihre Unterstützung bedeutete viel am 24. Februar 2022, als der Feind
einen unprovozierten Vernichtungskrieg gegen die Ukraine begann.
Die ganze Welt war schockiert von dem, was da geschah.
Die Unterstützung bedeutet aber jetzt noch viel mehr, weil der Feind
allen klar gemacht hat, dass es für ihn keine Grenzen gibt: weder
geografische noch moralische.
Dass er nicht vorhat, das Blutvergießen zu beenden und sogar bereit ist,
seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu eskalieren und
auszuweiten, wenn er nicht gestoppt wird. Darum sind Ihre Unterstützung, Hilfe und Solidarität heute noch
wichtiger als vor 699 (Anmerkung : heute schon 732) Tagen.
Denn die Welt hat sich von dem Schock erholt.
Ein beträchtlicher Teil von ihr beginnt, den russischen Krieg als eine
Fernsehshow zu betrachten, die einen langweilt, von der man müde sein
und einfach auf etwas anderes umschalten kann.
Gerade darauf setzt Russland. Auf Gleichgültigkeit, auf Müdigkeit, auf
Gewöhnung.
Denn dann haben Moskau und andere totalitäre Regime einen völligen
Freibrief, ihre Willkür auszuleben.
Niemand wird sie dann mehr aufhalten können.
Wenn dies geschieht, wird die Welt in einen Abgrund des Bösen
geraten, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt.
Zu verhindern, dass die Welt in eine solche Sackgasse gerät, die
demokratischen Werte zu verteidigen und das Gefühl der Sicherheit
wiederherzustellen, ist in der Tat die existenzielle Aufgabe für die
ganze freie Welt.
Doch nicht jeder, der in dieser freien Welt lebt, ihre Vorzüge genießt,
den Wert ihrer Existenz versteht, ist sich des Ausmaßes der Bedrohung
bewusst, die über dieser Lebensweise schwebt. Deshalb möchte ich
Ihnen noch einmal danken.
Denn indem Sie sich für die Ukraine einsetzen, verteidigen Sie auch
diese freie Welt.
Hartnäckigkeit, Beharrlichkeit, Einigkeit und Entschlossenheit.
Sie kennen diese Eigenschaften.
Das ist es, was wir heute nicht nur dem Feind, sondern auch uns
gegenseitig zeigen müssen.
Das ist unsere Stärke, die Stärke der Demokratien.
Die Ukrainer beweisen jeden Tag ihre Beharrlichkeit.
Auch sie sind des Krieges überdrüssig. Sie wünschen sich den Frieden
mehr als alle anderen.
Sie verstehen, dass man für den Frieden einstehen muss.
Sie verstehen, dass dieser schreckliche Krieg nur auf eine Weise enden
kann - wenn die russischen Mörder gestoppt werden.
Mit Entschlossenheit, denn eine andere Sprache kennen sie nicht.
Es gibt einfach keine andere Alternative.
Der 2. Januar 2024 ging mit einem Rekord in die Weltgeschichte ein -
Russland setzte bei einem weiteren Luftangriff auf die Ukraine eine so
große Anzahl ballistischer Raketen und Hyperschallwaffen ein, wie es
sie noch nie zuvor in einem Krieg in der Geschichte der Zivilisation
gegeben hat.
Und so geht es weiter. Tag für Tag verbreitet das russische Regime
Schrecken und Tot.
Russland will die Ukraine gänzlich von der Landkarte streichen. Daher
prasseln täglich dutzenden Bomben auf ukrainische Städte nieder.
In der Ukraine kämpfen deshalb hunderttausende Ukrainerinnen und
Ukrainer heute, just in diesem Moment für ein Leben, welches für uns,
Ukrainer, noch vor kurzem selbstverständlich war und hier in
Deutschland noch selbstverständlich bleibt.
Meine Damen und Herren,
Es ist menschlich, den Nächsten zu helfen und sie zu unterstützen.
Gerade diese Nächsten opfern jetzt ihr eigenes Leben, um unsere
gemeinsamen demokratischen Werte zu verteidigen.
Es ist menschlich, Morde zu verurteilen und zu versuchen, sie zu
stoppen.
Es ist menschlich, denjenigen zu helfen, die auf unsere Hilfe
angewiesen sind.
Glaubt an die Ukraine. Denn die Ukraine glaubt an Sie.
Und nur so wird die Menschlichkeit die Dunkelheit des
Übels überwinden.
Dr. Iryna Tybinka Hamburg, 10.01.2024