Ungarns Grenzöffnung vor 25 Jahren
10. September 2014 - Jochen Wiemken
Freudentränen im „Trabi-Treck“
Plötzlich gab es eine Lücke im Eisernen Vorhang: DDR-Übersiedler umarmen sich am 11. September 1989 in Österreich. (Foto: dpa)
Am 11. September 1989 öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich. Der „Eiserne Vorhang“ war gefallen. In den folgenden Wochen flüchteten etwa 50.000 DDR-Bürger nach Österreich. Für den Gang der Ereignisse in Deutschland hatte die mutige Entscheidung der ungarischen Regierung eine große Bedeutung. „Wir Deutsche werden das nie vergessen" dankt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
„Wir trinken eine Kleinigkeit auf die deutsche Einigkeit“ - so reimten DDR-Bürgerinnen und -Bürger in der Nacht zum 11. September 1989 beim Feiern an der ungarisch-österreichischen Grenze. Es gab Freudentränen, Euphorie und fassungsloses Glück nach wochenlangem bangen Warten. Punkt Null Uhr gingen die Schlagbäume für die Menschen hoch, die bis dahin nicht frei reisen durften. Ungarns Außenminister Gyula Horn hatte es Stunden zuvor im ungarischen Fernsehen angekündigt.
Fluchtwelle war nicht mehr zu stoppen
Von da an gab es kein Halten mehr unter den tausenden DDR-Flüchtlingen. Hastig wurde in den ungarischen Camping-Lagern unter den Augen der hilfsbereiten ungarischen Malteser gepackt. Es ging los, in Autos, Taxis, rund 60 Bussen und Sonderzügen der österreichischen Bahn.
Allein in jener Nacht reisten etwa 6000 DDR- Bürgerinnen und -Bürger aus, bis Mitte November wurden es etwa 50 000. Die Sehnsucht nach „Freiheit“ und die Perspektivlosigkeit in der DDR nannten die meisten damals gegenüber Reportern als Begründung für den Aufbruch.
In Dreierreihen standen die DDR-Autos in Hegyeshalom, einem der sechs Grenzübergänge, die für die ausreisewilligen DDR-Bürger vorgesehen waren. Angesichts des überwältigenden Ansturms winkten die österreichischen Grenzer den „Trabi-Treck“ ohne Passkontrollen nur noch durch. In der Bundesrepublik standen für die Ankömmlinge rund 20 000 Plätze in Lagern des Roten Kreuzes bereit. Behörden und Helfer in Österreich und Deutschland spendierten Benzingutscheine und Verpflegung, Tankwarte hielten Zweitaktergemisch für Trabis bereit.
Erleichterung in Bonn – Wut in Ost-Berlin
Während westdeutsche Politiker sich erleichtert zeigten und Ungarn dankten, reagierten die Zeitungen in Ost-Berlin hingegen erwartungsgemäß scharf. Sie nannten den Vorgang eine „illegale Nacht- und Nebel-Aktion“, „organisierten Menschenhandel“, und eine „Verletzung völkerrechtlicher Verträge“.
Schon wenige Stunden nach der Öffnung der Grenze kamen die ersten Flüchtlinge in Bayern an. Besonders eilig hatte es der 39 Jahre alte Kantinenwirt Gerhard Meyer aus Ost-Berlin, der es als Erster in die Bundesrepublik schaffte. In einem japanischen Sportcoupé war er mit seiner Frau und den Kindern durch Österreich gerast und kam bereits um 03.05 Uhr am Kontrollpunkt Stuben bei Passau an.
Steinmeier: Wir werden das Ungarn nie vergessen
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier dankt den Ungarn für ihre damalige mutige Entscheidung: „25 Jahre ist es her, dass der Eiserne Vorhang - gerade auch mit der Hilfe Ungarns - durchschnitten werden konnte und viele Menschen aus der damaligen DDR den Weg in die Freiheit gefunden haben. Das war die Eröffnung für Ereignisse, die schließlich zur deutschen Einheit geführt haben. Dafür sind wir bis heute dankbar und vergessen das nicht“, sagte er bei einem Besuch im Februar in Ungarn.
(mit dpa)