Die Abstiegsgesellschaft und die Super-Reichen

Veröffentlicht am 05.12.2016 in Presse

ARD – ttt – 4.12.2016

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/sendung-vom-04122016-104.html

Warum der Ultrakapitalismus unsere Demokratie an die Wand fährt

Der Westen steckt in einer krachenden Krise – unsere lebenswerten, fortschrittlichen Demokratien sind dramatisch bedroht. Ungläubig beobachten die meisten Europäer die massiven Erfolge der Rechten, die autoritäre Denkmuster als Protest verkaufen, die versuchen, die kulturelle Hegemonie zu gewinnen, indem sie das berechtigte Unbehagen am Zustand unserer Gesellschaften kanalisieren. Dreht sich das Rad der Geschichte vielleicht doch zurück? Was ist da nur so schief gelaufen?

Oliver Nachtwey liefert in seinem Buch "Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne" eine schlüssige Erklärung. Wir sehen gerade die Auswirkungen von drei Jahrzehnten neoliberaler Politik, sagt der Frankfurter Soziologe. Vor dieser Entwicklung warnen mittlerweile sogar die Superreichen. Einige der mächtigsten Ultrakapitalisten fürchten um den sozialen Frieden, sagt die New Yorker Finanzexpertin Sandra Navidi in ihrem Buch "Superhubs – Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren".

"Moment mal, irgendwas stimmt da doch nicht"

Denn wir spüren es. Irgendwas stimmt nicht mehr. Irgendwas ist hier bei uns fundamental ins Wanken geraten: "Demokratieverdruss"? Der Hass auf die vermeintlichen Eliten "da oben", die Arroganz gegenüber denen "da unten". Wie konnte es nur so weit kommen? Eigentlich geht es uns doch gut.

"Es gibt immer mehr Reichtum, mehr Wohlstand, aber dieser Wohlstand ist für immer weniger Gruppen da", stellt Oliver Nachtwey fest. Und Sandra Navidi sagt: "Was wir sehen, ist eine eklatante Vermögens-, Chancen- und Einkommensschere, die immer weiter auseinander gegangen ist." – "Das alte Versprechen – wenn ich mich anstrenge, kann ich teilhaben an dem Wohlstand – das gilt nicht mehr", so Nachtwey. "Und irgendwann fällt der Groschen und man sagt: Moment mal, irgendwas stimmt da doch nicht", ergänzt Navidi.

Hat der Westen sich verzockt? Das mit dem Kapitalismus läuft nicht mehr für alle gut. Auf Dauer hält das keine Demokratie aus. Wir wollten es lange nicht sehen: das Unbehagen über den Zustand unserer Gesellschaft. Jetzt aber können wir uns das nicht mehr leisten. Denn die Rechten, die den Protest für sich abgreifen, nutzen alles, um der Demokratie zu schaden und mit falschen Hoffnungen füttern. Was hat uns bloß so ruiniert?

"Es geht nicht mehr weiter nach oben"

Der Soziologe Oliver Nachtwey sagt: Die neoliberale Politik des Westens war es selbst. Sie hat dafür gesorgt, dass der Markt übermächtig wurde und dabei ein Versprechen aufgekündigt, das unsere Gesellschaft lange zusammengehalten hat: "Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir etwa 40 Jahre einen kollektiven sozialen Aufstieg, gerade für Menschen aus der alten Arbeiterschicht, die konnten in die untere oder sogar mittlere Mittelschicht aufsteigen", so Nachtwey. "Für diese Leute, die diesen sozialen Aufstieg geschafft haben, da geht es nicht mehr weiter nach oben, sondern mittlerweile tendenziell nach unten."

Die "Abstiegsgesellschaft" heißt sein Buch, eine brillant erzählte und empirisch fundierte Analyse. Nachtwey vergleicht darin unsere Gesellschaft mit einer Rolltreppe: Früher, in Zeiten der sozialen Marktwirtschaft, fuhren darauf noch alle, Arm wie Reich, gemeinsam nach oben. Wer hart arbeitete, konnte aufsteigen, sich (zum Beispiel) ein Haus leisten. Heute allerdings fährt die Rolltreppe für immer mehr Menschen nach unten: Jobs ohne Perspektive, Akademiker im Dauerpraktikum, Niedriglöhne, Leiharbeit, ein Leben ohne Sicherheit.

"Für viele Menschen ist diese nach unten fahrende Rolltreppe ein permanenter Zustand", sagt der Soziologe. "Das macht nervös, das erschöpft, das erzeugt auch Ängste. Und vielleicht auch Wut."

Denn niemand will absteigen. Deshalb laufen viele gegen die Fahrtrichtung an, um ihren Status zu erhalten, andere kapitulieren. Wir leben in einer neuen Klassengesellschaft, sagt Oliver Nachtwey, aber wir haben es noch nicht richtig gemerkt. Die Angst, bald zu den Verlierern zu gehören, sei trotzdem weit verbreitet.

Das kann nicht lange gut gehen. Das glaubt auch Sandra Navidi, die aus der Welt der Superreichen berichtet: von den 0,1 %, den Mogulen der Wall Street, mit denen sie gut vernetzt ist: "Das ist jetzt keine Verschwörung, man darf das nicht überbewerten, aber diese Superreichen haben so genannte Family Offices. Das sind ihre eigenen Investmentbüros, weil sie sind zu reich, als dass eine Bank das managen würde, das Geld", so Navidi.

Warnung vor den Mistgabeln

Ihr Vermögen ist so groß, dass selbst Banken es nicht mehr verwalten. Aber sogar unter den Superreichen glauben einige, dass der Turbokapitalismus die Demokratie zerstöre, sagt Sandra Navidi, die als Insider-Kritikerin ein Buch über die Finanzmilliardäre - die „Superhubs“ - geschrieben hat. Sie sagt: Auch die Superreichen hätten Angst vor großen sozialen Unruhen.

"Es gibt schon einige, die davor warnen, dass die Mistgabeln bald kommen", sagt sie. "Weil es ist ja so: Sie sind sich dieser Gefahr bewusst und wenn sie große Vermögen anzulegen haben, dann kann man natürlich zumindest einen Teil davon schon mal in ein Waldgrundstück in Kanada investieren oder in eine Farm in Neuseeland mit Landebahn, sozusagen als Ausweichplatz."

"Das System gerät immer weiter in Schieflage"

Flucht-Szenarien für den Ernstfall… Wenn aber selbst die Gewinner der Ungerechtigkeit sehen, dass es so nicht mehr weiter geht: Warum ändern sie es nicht? Navidi sagt, der Fehler liege im System: "Sie arbeiten mit dem, was sie haben. Mit den Regelungen des Systems, und im Grunde muss man die zugrundeliegenden Regelungen ändern. Die Finanzkrise hätte einen regulativen Schock bewirken können, also dass man danach Dinge grundlegend ändert. Das ist nicht wirklich passiert. Man hat zwar hier und da Finanzregelungen etwas verschärft, aber die großen Banken sind jetzt noch größer als vorher. Und insofern gerät das System immer weiter in Schieflage und ein System, was zu sehr in Schieflage gerät, können Sie dann nachher nicht mehr korrigieren. Und wenn Sie es zu weit laufen lassen, dann zerstört sich ein System selbst."

Der Kapitalismus, er hat dem Westen lange Wohlstand, Demokratie und Freiheit gebracht. Gesellschaftlichen Fortschritt – paradoxerweise aber auch weniger Gleichheit. Seit die Politik den Märkten mehr und mehr das Sagen überlassen hat, gerät unsere Gesellschaft in eine gefährliche Schieflage. Was fehlt, sind neue, positive Gesellschaftsentwürfe.

Keiner will zu den Verlierern gehören

Warum aber ist die soziale Frage in der politischen Debatte derzeit nahezu tabu? Warum haben selbst Sozialdemokraten und Linke kaum mehr Ideen für eine gerechtere Gesellschaft? Weil auch sie nicht zu den Verlierern gehören wollen, sagt Nachtwey: "Personen, die in der Mittelklasse angekommen sind, die lang genug in den politischen Eliten sind, die bewundern die Reichen. Und verachten häufig die Armen. Und dann orientiert man sich häufig eher an den Gruppen, die man bewundert, mit denen man eher die Gemeinsamkeiten sieht."

Wirtschaftlich ging es uns nie besser und gleichzeitig steht gerade alles auf der Kippe. Unsere liberalen Werte, eine friedliche Zukunft. Es wird Zeit, zu begreifen, was auf dem Spiel steht: "Wir leben in einer Zeitenwende, wo demokratische und soziale Grundlagen in Frage gestellt werden", so Nachtwey. "Und wenn die bürgerliche Mitte und die Linken nicht anfangen darüber nachzudenken, dann wird man in Europa beziehungsweise in der ganzen westlichen Welt eine rechtspopulistische Welle sehen, die die Demokratie in einer ganz anderen Art und Weise angreifen wird. Es geht jetzt nicht nur um die Verteidigung der Bürgerrechte, sondern: Wir können die Demokratie nur dadurch erneuern, indem wir einen neuen sozialen Kompromiss finden."

Bericht: Nora Binder
 

Oliver Nachtwey "Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne" 
264 Seiten, € 18,00
Suhrkamp Verlag, Mai 2016 
ISBN: 978-3518126820

Sandra Navidi "$uper-hubs: Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren" 
Mit einem Vorwort von Nouriel Roubini 
320 Seiten, € 19,99
FinanzBuch Verlag, Dezember 2016
ISBN: 978-3898799591

 

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