„...und Du lebst noch!“
Als junger Soldat erlebte Erhard Eppler die letzten Kriegstage 1945 im Schützengraben. Schon vor dem 8. Mai begab er sich zu Fuß auf die gefährliche Flucht nach Hause – begleitet von Gedanken, die sein späteres Leben prägen würden. Seine Erinnerungen teilt er auf SPD.de.
Der 8. Mai 1945. Für mich war der 2. Weltkrieg schon am 23. April 1945 zu Ende. Da kam abends unser Kompaniechef in die Stellung, die ausgerechnet in den Schützengräben lag, die eigentlich für Übungszwecke in der Lüneburger Heide angelegt waren. Er gab uns bekannt, dass unser Kessel – die Briten hatten uns eingekesselt – am nächsten Vormittag kapitulieren werde. Wer sich zutraue, die Gefangenschaft zu vermeiden und auf eigene Faust nach Hause zu kommen, könne in der Nacht versuchen, an den feindlichen – teils britischen, teils amerikanischen – Stellungen vorbei zu kommen.
Ich war genau 18 Jahre und fünf Monate alt, gut zu Fuß und fürchtete, noch nach England verfrachtet zu werden. Also gehörte ich zu denen, die das Angebot unseres Oberleutnants annehmen wollten.
Hier ist nicht der Ort, die grotesken Abenteuer zu schildern, die sich daraus ergaben, dass ich erst zusammen mit einem älteren Kumpel gen Süden marschierte, erst nur bei Nacht, dann bei Tag, quer durch Wald und Heide. Unser ziemlich neues Feldgrau tauschten wir auf einem entlegenen Bauernhof gegen eine zivile, vielfach geflickte Hose und eine Jacke, die so viele Löcher hatte, dass nicht mehr erkennbar war, ob sie eher militärischen oder zivilen Ursprungs war.
Nun ist der Krieg wirklich zu Ende
Am 8. Mai hatte ich schon 15 Tagesmärsche durch amerikanisch besetztes Gebiet hinter mir, meinen Kumpel inzwischen nach einem Streit um die richtige Richtung – wir hatten nur jeder einen Kompass, keine Karte – verloren. Übernachtet hatte ich in Scheunen, Kuh- oder Schweineställen, einmal in einer Futterschneidmaschine, ein andermal in einem winzigen Gartenhaus, gefüllt mit Tannenzapfen, die schön warm gaben. Jetzt, am 8. Mai suchte ich eine wenig bewachte Brücke über den Main und fand sie schließlich, so dass ich endlich Süddeutschland erreicht hatte.
Urgestein der Sozialdemokratie: Erhard Eppler (Foto: dpa)
Als ich die Brücke, auf der vor allem amerikanische Trucks und Jeeps verkehrten, hinter mir hatte, war ich ziemlich sicher, dass ich es schaffen würde, nach Hause zu kommen.
Nun konnte ich sogar an das denken, was ich aus einem weggeworfenen „Stars and Stripes“-Blättchen entnommen hatte: Heute, am 8. Mai, wurde kapituliert. Was ging da in mir vor? Sicher kein Gefühl von Befreiung. Ich schlich mich ja wie ein Krimineller nach Hause. Woran ich mich erinnere, ist das Gefühl „Nun ist der Krieg wirklich zu Ende, ganz zu Ende, und Du lebst noch!“ Das war mehr, als ich noch Wochen zuvor erwartet hatte. Ich hatte also vielleicht noch ein ganzes Leben vor mir, über das ich, solange die totale Niederlage noch nicht eingestanden war und das einseitige Morden weiterging, kaum nachgedacht hatte.
Die Zukunft sah düster aus
Aber die Zukunft sah düster aus. Ich hatte auf der Verladerampe von Bergen-Belsen schreckliche Szenen gesehen, von anderen Schrecknissen hatte ich gehört. Würden die Alliierten uns noch eine Chance geben? Oder würden sich die Politiker durchsetzen, die den Deutschen diesmal keine mehr lassen wollten? Bedingungslose Kapitulation, das bedeutete, dass das Deutsche Reich sich auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte. Befreiung? Ein winziger Schimmer davon hatte mich erreicht: Auf dem Weg durch das besetzte Deutschland musste ich nicht mehr damit rechnen, am nächsten Baum aufgeknüpft zu werden. Was drohte, war nur eine längere Kriegsgefangenschaft.
Die letzten beiden Tagesmärsche bis nach Schwäbisch Hall absolvierte ich bei herrlichem Wetter. Ich staunte, wie die Natur sich so gar nicht um den Untergang des Großdeutschen Reiches kümmerte. Die Buchen bekamen ihre Blätter, die Schwalben flogen so elegant wie immer. Die Natur war also durchaus unversehrt und bereit, auch uns zu ernähren. Und ich konnte ja im Garten der Familie etwas dafür tun. Das ganze Leben musste ja nicht die Fortsetzung des Elends sein, für das die Ruinen der Städte standen.
Das Ergebnis falscher Politik
Ich weiß nicht mehr, wann mir ein Gedanke kam, der dann den Rest meines Lebens bestimmt hat. War es irgendwo im Würzburger Land oder schon im heimatlichen Hohenlohe? Mir wurde klar: All das Chaos war das Ergebnis von Politik. Von einer Politik, die der deutsche Reichstag am 23. März 1933 abgesegnet hatte. Wenn falsche Politik einen ganzen Kontinent ruinieren und Millionen Menschen, auch meinen Bruder und manche Freunde, umbringen konnte, müsste richtige Politik nicht auch Gutes bewirken können? Dieser Gedanke sollte mich dann sieben Jahrzehnte lang begleiten.
Zur Person
Erhard Eppler wurde am 9. Dezember 1926 geboren. Von 1943 bis 1945 war er im Kriegsdienst. Mit Gustav Heinemann begründete er 1952 die Gesamtdeutsche Volkspartei, 1956 wandte er sich der SPD zu. Von 1961 bis 1976 war er Mitglied im Bundestag und wurde 1968 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Von 1973 bis 1981 war Eppler SPD-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg. 1975 bis 1991 leitete er die Grundwertekommission der SPD. In den 80er Jahren amtierte er zweimal als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags. 1991 legte der Sozialdemokrat seine politischen Ämter nieder. Erhard Eppler ist Träger des Großen Bundesverdienstkreuz.