Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig im SPD.de-Interview
06. März 2015 - Jochen Wiemken
„Es gibt noch viel Luft nach oben“

Foto: Focus
ElterngeldPlus, Familienpflegezeit, die Quote für Führungspositionen, Lohngerechtigkeit. Manuela Schwesig bringt mächtig Schwung in die Gleichstellungs- und Familienpolitik – und knackt alte Rollenmuster. Am Ziel sieht sie sich noch nicht. Vor allem berufstätigen Eltern will sie neue Angebote machen.
SPD.de: Du hast das ElterngeldPlus, die Familienpflegezeit und die Frauenquote auch gegen den Widerstand des Koalitionspartners durchgesetzt. Damit hast du viel für Frauen und Familien erreicht. Bist du zufrieden?
Manuela Schwesig: Mit dem ElterngeldPlus, der Familienpflegezeit und der Frauenquote haben wir wichtige Schritte für mehr Chancengleichheit von Frauen und Männer in Deutschland gemacht. Denn solange Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, brauchen wir Gesetze, die sie voranbringen: Obwohl seit 20 Jahren das Grundgesetz in Artikel 3 die gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen garantiert, erleben Frauen heute immer noch, dass sie für gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, dass sie kaum Chancen haben, in Führungspositionen zu kommen und dass sie die meisten Nachteile haben, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Mit dem Mindestlohn, dem Rückkehrrecht auf Vollzeit und der Aufwertung sozialer Berufe wie zum Beispiel mit der Reform der Pflegeausbildung machen wir weitere wichtige Schritte zu mehr Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt. Damit Gleichstellung für alle Männer und Frauen auch endlich Lebensrealität wird.
SPD.de: Erste Schritte auf dem Weg zu einer echten Familienarbeitszeit sind gemacht. Was fehlt noch?
Manuela Schwesig: Wir haben die Weichen gestellt, hin zu einer neuen Familien-Zeit. Denn für Familien ist nicht nur Geld wichtig, sondern auch Zeit. Mir geht es darum, dass die Arbeitszeit für Familien besser verteilt wird. Langfristig müssen wir Vollzeit für Familien neu definieren. In der Rush Hour des Lebens kommt alles zusammen: Kinder kriegen, die Pflege der Eltern organisieren, als Fachkräfte zur Verfügung stehen. Das geht nicht mit Vollzeit für Männer und Frauen, wie wir sie bisher definieren. Männer wünschen sich, ihre Arbeit zu reduzieren, fürchten aber negative Folgen für ihre Karriere. Frauen würden gerne mehr Stunden arbeiten, können aber aus ihren Teilzeitjobs nicht aufsteigen. Zwar wandelt sich die Arbeitszeitkultur schon in vielen Unternehmen, aber es gibt noch viel Luft nach oben. Innerhalb des vergangenen Jahres ist die Idee der Familienarbeitszeit auf unglaubliche Akzeptanz gestoßen. Die IG Metall und andere Gewerkschaften haben die Idee der Familienarbeitszeit aufgegriffen. Auch einige Wirtschaftsvertreter, beispielsweise Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, sprechen sich dafür aus. Die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt, flexible Arbeitszeiten und ein bedarfsgerechtes Angebot an Betreuungsplätzen sind der Schlüssel, um Familien den Rücken zu stärken.
SPD.de: Du planst ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Männer und Frauen. Wie wichtig ist dieses Gesetz?
Manuela Schwesig: Das Gesetz ist so wichtig, weil wir damit die ungerechten Gehaltsstrukturen zum Thema machen und Lohnungleichheit sichtbar wird. Drei Viertel der Frauen sagen, dass sie eine ungerechte Arbeitswelt erleben. Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen ist in Deutschland höher als in manch anderem EU-Land. Das muss sich ändern. Es muss endlich das Prinzip gelten: gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit. Ich habe bereits den Dialog mit den Gewerkschaften und Arbeitgebern gestartet und werde das Gesetz zu mehr Lohngerechtigkeit auf den Weg bringen. Ich bin überzeugt: Transparenz und Lohngerechtigkeit nutzen sowohl den Arbeitnehmern als auch den Arbeitgebern. Faire Löhne sind Teil eines nachhaltigen Personalmanagements und helfen, gerade weibliche Fachkräfte zu binden und Mitarbeiter zu motivieren. Transparenz schafft Vertrauen und Rechtssicherheit.