„Es gibt in Berlin keinen besseren Ort, um an die gute Traditionen in Europa zu erinnern, aber eben auch an die großen Krisen, die danach passiert sind“, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel zur Begrüßung der rund 500 Gäste im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt.
Die für Hugenotten im 18. Jahrhundert errichtete Kirche erinnert an die Zeit, als Menschen aus Frankreich in Preußen Zuflucht suchten. Ein ehrwürdiger Ort und angemessener Rahmen, „um über eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu sprechen und die Frage zu stellen, was sie uns heute auf den Weg gibt“, so Vizekanzler Gabriel.
Das gewalttätigste Jahrhundert in der Geschichte
Das 20. Jahrhundert rief die größten Hoffnungen hervor, aber es zerstörte auch seine Illusionen, Werte und Ideale. „Es war das gewalttätigste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit“, erinnerte Gabriel. „Der Erste Weltkrieg verwüstete nicht nur Europa, er veränderte die ganze Welt.“
Reden von Sigmar Gabriel, Manuel Valls und Martin Schulz:
Der Schwarze Freitag an der Börse 1929 stürzte Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit und ins soziales Elend, „die bestialische Schlacht von Stalingrad und das millionenfache Töten in Auschwitz und Treblinka waren ebenso tief verwurzelt in der Geschichte des Ersten Weltkrieges, wie die Zweiteilung der Welt oder die endlosen Konflikte in der Nahostregion“, betonte der SPD-Politiker.
Die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland nach den Katastrophen der beiden großen Kriege ist behutsam gewachsen. „Sie ist eines der großartigsten Beispiele dafür, dass man aus der Geschichte auch die richtigen Schlüsse ziehen kann“, so Gabriel.
Gabriel: Frieden ist noch kein Normalfall
Aus den beiden Jahrhundertkatastrophen – dem Ersten und Zweiten Weltkrieg - entstand ein Jahrhundertprojekt: die Europäische Union. Aus Sicht des SPD-Parteivorsitzenden das größte Zivilisationsprojekt, das unser Kontinent bislang hervorgebracht hat.
„100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges sehen wir im Osten des Kontinents, in Russland und der Ukraine, dass der Frieden auf unserem Kontinent noch nicht der Normalfall ist“, mahnte Gabriel. Dort wie in vielen Staaten träumten Nationalisten wieder den blutigen Traum von der nationalen Mobilität.
„Unsere politischen Grundwerte stehen zur Disposition“, fürchtet der Vizekanzler. Wir müssten ernst nehmen, was in Europa an Nationalismus entstehe und was in den europäischen Nachbarschaften passiere. „In den Erschütterungen der Gegenwart brauchen Menschen, braucht Politik einen Ort, wo sie verankert ist: Europa ist ein solcher Ort“, ist sich Gabriel sicher.
Valls: Eine gemeinsame Verantwortung für Europa
Bei seinem ersten Auslandsbesuch in Deutschland betonte der französische Premierminister Manuel Valls, wie wichtig die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich für die Stabilität in Europa sei: „Aus den Erzfeinden von damals sind Freunde und Partner geworden. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für Europa. Nur wenn die deutsch-französische Freundschaft stark ist, ist auch Europa stark.“
Das Gedenken an den ersten Weltkrieg sei unsere Pflicht, so der französische Premier. Gedenken bedeute aber auch, aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen.
Vor allem mit Blick auf die Krise in der Ukraine machte auch Valls klar, wie zerbrechlich der Frieden auch in Europa immer noch ist. „Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Nationalismus, Hass und diplomatische Schwäche haben zum Ausbruch des ersten Weltkrieges geführt. All das ist noch immer nicht völlig von unserem Kontinent verschwunden“, so der 51-Jährige.
Ein gerechteres und effizienteres Europa
Die Idee von Europa müsse auch in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert werden, forderte Valls. Nur so könne man den Populismus bekämpfen und die Wahlbeteiligung steigern.
„Europa muss in der Lage sein, die Erwartungen der Menschen zu erfüllen. Die Menschen wollen mehr als Stabilität. Sie wollen Schutz, Arbeit und Solidarität. Und vor allem wollen sie ein gerechteres und effizienteres Europa.“ Darum gehe es bei der Europawahl am 25. Mai.
Schulz: Zurück blieb ein zerstörter Kontinent
Martin Schulz, Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten für die Europawahl, zeichnete in seiner Rede zunächst noch einmal die Grausamkeiten dieses ersten industriellen Krieges von 1914 bis 1918 nach - „wie die Moderne ihr hässliches Gesicht gezeigt hat.“
Zurück blieb ein zerstörter Kontinent, erinnerte Schulz und stellte die Frage: „Sind wir wirklich andere Menschen geworden? Sind die Dämonen des Hasses inzwischen für immer gebannt?“
Die Akteure damals handelten nur nach der Maximierung ihres rein nationalen Interesses. Das Argument, das seien ja Geschichten aus anderen Zeiten könne nicht trösten, so Schulz, denn „wir erkennen Parallelen zu heute."
Die Angst vor einem Krieg ist zurück
Der Aufstieg neuer Mächte und der Abstieg alter Mächte: Krisenherde in Nordafrika, im Nahen Osten und im südchinesischen Meer. „Kriegerische Auseinandersetzungen, so sieht die geopolitische Realität im Jahr 2014 aus.“
Ganz aktuell macht die Krise in der Ukraine deutlich, dass das europäische Sicherheitssystem auch heute einer Bedrohung ausgesetzt ist. „Plötzlich ist sie wieder da, die Angst vor einem Krieg“, brachte es der Präsident des europäischen Parlamentes auf den Punkt.
Populismus hat in Europa wieder Konjunktur
Bedrohungen kommen auch von anderer Seite. „Ich beobachte Auflösungserscheinungen – nicht nur an den rechten und extrem linken Rändern wird die Ablehnung der europäischen Integration immer lauter“, beklagte Schulz. „Wer angesichts der Krise in der Ukraine nicht erkennt, dass dieser Euroskeptizismus historisch blind ist, der handelt unverantwortlich.
Auch Schulz unterstrich – wie Gabriel und Valls – die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft für Europa. Er erinnerte an die Stärke der Versöhnung in der Politik von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing und von Helmut Kohl und François Mitterand.
Den Gefahren für Europa müsse heute wie damals begegnet werden. „Der nationalistische, der rassistische, der fremdenfeindliche, der antisemitische Populismus hat in Europa in diesen Tagen wieder Konjunktur. Populisten aller Art, die für alles einen Sündenbock, aber für nichts eine Lösung haben, sind wieder unterwegs“, mahnte Schulz. 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg müsse man daran erinnern, dass die Sündenbockpolitik immer die Quelle für kriegerische Konflikte gewesen sei. „Wir müssen in Europa wachsam sein und wir müssen uns unserer besonderen Verantwortung für Europa stellen.“
Podiumsdiskussion
In einer abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Prof. Dr. Anne-Marie Le Gloannec vom Institut d'Études Politiques in Paris mit Dr. Ruth Leiserowitz vom Deutschen Historisches Institut in Warschau und Prof. Dr. Herfried Münkler von der Berliner Humboldt Universität über die Folgen des ersten Weltkrieges.
Dabei wurde deutlich, dass der Erste Weltkrieg eine Zäsur für die Rolle Europas in der Welt war. Erst mit dem europäischen Integrationsprozess konnte die Idee des Sozialstaates europäischer Prägung massiv an Bedeutung gewinnen.