Wer heutzutage zum Streik aufruft,
wird an den Pranger gestellt.
Wo ist die Solidarität in unserem
Lande geblieben?
Ein Hilferuf von Horst Bohlen
Wer heutzutage zum Streik aufruft,
wird an den Pranger gestellt.
Wo ist die Solidarität in unserem
Lande geblieben?
Ein Hilferuf von Horst Bohlen
Vorab zur Erinnerung: Artikel 9 des Grundgesetzes der
Bundesrepublik Deutschland.
Abs.1: "Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und
Gesellschaften zu bilden."
Abs.3:"Das Recht, zur Wahrung und Förderung der
Arbeits und Wirtschaftbedingungen Vereinigungen zu bil-
den,ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet.
Abreden,die dieses Recht einschränken oder zu behindern
suchen, sind nichtig. Hierauf gerichtete Maßnahmen
sind rechtswidrig und dürfen sich nicht gegen Arbeits-
kämpfe richten."
Dies bedeutet,Herr Weselsky macht von einem Grund-
recht Gebrauch, dem Recht auf Streik. Es geht um die
Interessen der Beschäftigten, und da Gehaltsver-
besserungen oder Veränderungen der Arbeitsbedingungen
anders nicht erreicht werden konnten, bleibt nur das
Mittel des Streiks.-Selbstverständlich bringt ein Streik
bei einem Dienstleistungsunternehmen hohe Belastungen
für die davon Betroffenen mit sich, und er führt auch
zu wirtschaftlichen Schäden. Nur, ein Streik, der nie-
mandem wehtut, braucht nicht geführt zu werden.
Will man sich in den Medien über die Gründe des Bahn-
konflikts informieren, liest man von den Lokführern als
"Raffkes", und auf den Vorsitzenden der GDL wird prak-
tisch eine mediale Hatz ausgeübt. Weselskys Bürotele-
fonnummer wird veröffentlicht, ein Bild des Leipziger
Hauses, in dem er eine Wohnung hat, (61qm) wird ge-
zeigt, um so die Bevölkerung gegen diesen Streik aufzu-
bringen.- Hier gefährdet eine unverantwortliche Presse
Leib und Leben des Vorsitzenden und dessen Familienan-
gehörigen. Zur Sache, (es geht nicht mehr um 5% mehr
Gehalt, Mehr-oder Minderarbeit, oder Zugbegleiter),er-
fährt der Leser nichts.
Bei dieser Auseinandersetzung geht es um nichts weniger
als das Streikrecht selber.!! Dieses Grundrecht ist in
Gefahr und damit die Funktion von Gewerkschaften an
sich. Das geht alle an, nicht nur Gewerkschaften, sondern
letztendlich alle Bürgerinnen und Bürger.!
Deshalb ist Solidarität wichtig, wichtig für ein grund-
gesetzlich verbrieftes Streikrecht.
In diesem Zusammenhang mutet es schon komisch an,daß
ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei Deutschlands
in Person von Andrea Nahles sich als erste aufmacht,
Vorschläge für ein Tarifeinheitsgesetz zu entwickeln.
Nach ihren Worten wolle sie nur die "Konsens-und die
Verabredungskultur" durch ein Gesetz stärken.
Dies klingt harmlos, doch in der Konsequenz ist es ein
massiver Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte
Koalitionsfreiheit der ArbeitnehmerInnen. Es soll defacto
ganzen Berufsgruppen das Streikrecht genommen werden,
nämlich jenen, die im Gesamtbetrieb in der Minderheit
sind, wie z.B. die Lokführer.
Der DGB äußert sich zum Vorschlag von Frau Nahles
sehr zurückhaltend.Kein Wunder, würde er doch die un-
geliebten Spartengewerkschaften so rasch loswerden.
Freuen können sich die Arbeitgeber, denn sie allein
würden danach zukünftig bestimmen welche Arbeitsein-
heiten zu einem Betrieb zusammengefasst oder ausge-
gliedert werden. Bei passendem Zuschnitt hätten die
Arbeitgeber die Hoheit festzulegen, welcher Tarifvertrag
kraft Mehrheit dominiert.
Schön wäre es und wichtig, wenn wir Bürger und auch
die Medien das Streik- als Grundrecht verteidigen, und
auch so hartnäckig dazu stünden wie Claus Weselsky.
Die einstige Solidaritätsrepublik Deutschland ist an vielen
Stellen längst beschädigt. Zur Zeit verteidigen wir nur
das Streikrecht, vielleicht schon morgen die demokra-
tische Grundordnung??
Horst Bohlen

1. Vorsitzender: Andreas Kunstreich-Deutsch
„Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“
Willy Brandt, 15. September 1992
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